4. neuer Text

6-2-016. Döhnsdorf, bis 29.9.2020 Testorf

BIRGITT SHOLA STARP 2016

 HEIMATWORTE

 

Wenn mir die Farben fehlen, versuche ich in die Worte zu fallen.

 

Die vorgefertigten Worte aus dem vergessenen Schatz der Muttersprache die sich mir früh entzog – oder  sich mit Widerhaken in mich hineinfraβ – kennen mich nicht.

Gibt es unbedarfte Worte? Selbstvergessene, unaufdringliche Worte die sich den Gedanken fügen, und nicht umgekehrt?

 

Diese groβe Sprache in der alles Leid, alle Schuld, alles Sehnen, alles Dichten und Lieben der Menschen schon gesagt wurde, tönt wie ganze Orgelwände im kalten Wind hier neben mir.

 

Können sich daraus kleine Wortkrüller, klitzekleine Kräusel die noch auf Bodenebene aus den Ritzen quellen, kleine Häufchen von Wortblättchen die im Sog des groβen Fugen-Dröhnens über ihnen tanzen, niedlich in kleine Nestchen flechten?

 

Wo suche ich Heimat? Könnte man ein Los kaufen für das man ein Stück Heimat gewinnt? Gibt es ein Grundgesetz das ein Stück Heimat sicherstellt, für jeden – vielleicht sogar exportierbar – ?

“Ja, hier: ein Stück Heimat, jedem seine Heimatsprache, sein Maβ an Worten, Lauten, Tönen, Liedern und Erinnerungen!”

 

Wo nur hab ich meine Heimat gelassen? Überall kleine Fitzelchen, groβe Fladen, lose Flicken, letzte Flocken – alles gesammelt und verloren, in einem kühnen glitzernden Bogen gespannt und zerplatzt—in klirrendem Scherbenhaufen  zusammengefegt.

 

Was ist dann die Quintessenz des endlosen Aufspürens, des geduldigen Zusammenleimens von  Schnipseln, um die Heiligkeit der Momente dem belanglosen Entfliehen zu erretten – ?

 

Wie fügt sich die auf längst entfallenen ewig währenden Sonntagnachmittagen angehäufte Erfassung verblichener Schneckenhäuser unter den Bahndamm-Büschen hinter dem Bahnhof von Wiesbaden, nur mit lauer Luft und dem leisen Duft von trockenem Seetang gefüllt, in den Begriff Heimat zusammen?

 

Wieviel Heimat ist nötig um sicher laufen zu können; auf wieviel Heimat muss man sich verlassen können um einfach drauflos zu laufen – wie lange kann man laufen bevor die Heimat abgelaufen ist? Wessen Heimat beträte ich dann?

 

Als Hiesiger darf ich als Tourist überall die Heimat Anderer betreten.  Als Produzent von Produkten auch. Als Händler auch, auch und sowieso von Waffen. Eigentlich darf ich mich überall breitmachen wenn ich etwas im Schilde führe, ein gutes Schild führe das mich deckt, ein Schild mit dem ich mich gewappnet habe, aus vollen Worten und vollem Wams.

 

Aber wenn ich, so wie ich, nichts habe in meinem längst zerfallenen Emigrantenkoffer als lauwarme knochen-weiβe leere Schneckenhäuser, oder die in tiefen Schnee gepressten Adlerschwingen im Kölner Königsforst, und die ersten Esskastanien, auf der heiβen gusseisernen Ofenplatte verkohlt – worauf poche ich dann?

 

Und worauf erst pochen dann all die „Anderen“ – die nur den Wind ihrer fernen von Giganten verprügelten Hügel im Ohr mitgenommen haben, die klebrigen Saftreste der roten Beeren ihrer verwüsteten Gärten noch in den Falten zwischen den Fingern?

 

Die Erde ist überzogen worden von undurchlässigen Wortkrusten, Lügen-Geschichte, Schmutzschichten, Gesetzesdichten, Sichtblenden und Drahtvorrichtungen.

Die Erde ist abgedichtet gegen Heimatsucher. Kein weiterlaufen, hinlaufen, weglaufen, vorlaufen, durchlaufen, verlaufen mag mehr auf dieser Erde sein. Nur flieβen geht noch, tauchen, schwimmen, sinken, schwanken, taumeln, wiegen, trinken – ertrinken.

 

Das Meer ist noch sich selber treu, es ist der Heimatlosen Mutterbusen, Rettungsboot, Gebärmutter und weiches Grab zugleich. Das Menschenwerk der Grenzen wird wenigstens von diesem groβen Nass verwischt.

 

Doch Heimat?

Erde brauchen wir dafür, aus deren Saiten Worte strömen wie Düfte, Klänge tönen wie Metall auf Knochen, Luft steigt mit Drachen in Spiralen an den Stränden.

 

Und wer verwehrt die Heim-Bewegung – jenen ja und diesen nicht? Und wessen Wahrheit weht auf jedem Gipfel? Erlauben wir schon wieder diese Heimat-Klauberei, den Stau von allem was sich flieβend überall ergieβt seit Urgezeiten: wo Deiche bauen gegen Ströme von dem Lebensfluss der sich schon immer von all den Orten fortbewegt hat wo das Leben nicht mehr weilen kann?

 

Wo schreien Halt! mein Heimatboden nimmt das Leben keines Anderen mehr an, allein das  meinige – wenn auch das bloß  seit einigen Jahrzehnten – , nein dein Leben heute gar nicht mehr: es reicht mit einer Heimat-Schicht, dein Leben muss woandershin sich winden!

 

Wessen Wort Heimat wiegt am schwersten, wessen Gerechtigkeit verschafft sich wohl Gehör?

 

Wohin mit meiner suspendierten Heimats-Ortung, so leise im Gefüge tosender Geschichtsentfaltung: Fluchtwege, Flüchtlingszüge, Flüchtlingslager, Flüchtlingsgesetze, Fluchtboote, Fluchtbräute –

vielleicht nur ein Versuch dem Worte Deutsch die Ungerechtigkeit, das alte Grausen und die Beleidigung zu nehmen, und darauf etwas mehr von Menschenliebe, Offenheit, Groβzügigkeit  in mir zu pflanzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.