ER VINO

ER VINO –

der Wein, in römischem Straßen-Dialekt. So nannte ich diesen kleinen Mann mit grauen gescheitelten Haaren und verschmitzt schauenden blauen Augen, der mit jungenhaften Bewegungen auf Beates Teppich im Schneidersitz kauerte, Yogahose und einen sauberen Wollpullover mit Löchern an den Ellbogen an. In den Jahren der Treffen unserer Bewusstseins-Pioniergruppe, von Beate zusammen mit Erwin gegründet, wurde er weißhaarig, und bekam einen sehr sexy Bürstenhaarschnitt, den auch ich ihm manchmal im Sommer mit seiner Haarschneidemaschine verpasste.

Seine zähe starke kleine Figur, den Kopf mit meinem bunten peruvianischen Hut geschmückt, triefender Regenjacke und schrägem Grinsen, mit Karl, der meinen anderen blauen peruvianischen Hut trägt, in der Tür des beinahe fertigen Holzschuppens, den die beiden mit heroischer Ausdauer bei aufziehendem Sturm in meinem Vorgarten in nur einem Tag aufgebaut haben, bleibt mir immer präsent. Die Geräte und Maschinen die ich von ihm geschenkt bekam nachdem er meine Baufertigkeiten erlebt hatte, sind eine Freude und ein Freundschafts-Bezeugnis das mein do-it-yourself-Herz und Bildhauer-Erfindergeist noch lange erwärmen wird.

Erwin war dann mit seinem wieder aufgetauchten Tumor im Kampf, um Schlaf, Schmerzfreiheit, Essen, Verdauung, Ausscheidung, und hatte manchmal in seinem so oft breit lachenden Gesicht scharfe Furchen um die nach unten gebogenen Mundwinkel. Doch weiterhin war er unentwegt am planen, kochen, backen, basteln, erfinden, reparieren, austauschen, und erhandelte sich im Internet die ausgefallensten Teilchen, Maschinchen, Motoren, Motorrad, Geräte, Werkzeuge und Farben.

Diese Farben landeten auf ausgeklügelt ausbalancierten Windmühlen – kleine Kunstwerke: im Wald gesammelte liebevoll geschmirgelte Äste, die jeden Garten, der das Privileg hat sie aufzunehmen, in eine andere Oktave verfrachtet mit den leuchtenden Farb-Ringeln auf den graziösen Bewegungen des Holzes, mit den schnurrenden Rädchen der von Erwin neu erfundenen Windmühlenflügel obenauf.

Farben und Erwin – der wunderschöne ausgedehnte Garten, eine Blumenpracht in allen Farben um und auf den Rasenflächen verteilt – Primär- und sekundär-Farben, rot, orange, grün, gelb, blau. Einige Wochen lang habe ich diese Pracht abends gewässert, ein Sommer-Gefühl wie kaum hier im Norden…eigentlich ein Künstler, Erwin: Geigen, Motorrad fahren, Auto reparieren, Holzschuppen bauen, Kochen, Backen, Gärtnern, Gedichte und Philosophen lesen, alles mit Leidenschaft und Elan, großen Plänen, Freude an jedem Detail, Stolz der Errungenschaft, Feiern von jedem noch so kleinen Sieg.

Erwin – Temperament, Sensibilität, belesene, erfühlte und oft burschikose Weisheit und laut lachender Humor, verschmitzte oder traurige leise Töne, Tränen der Berührtheit, unverhohlene Empörung bei Unstimmigkeiten – die ganze Palette.

Erwin mit dem ich lauthals lachen kann, Jux wie teen-agers physisch austragen kann, ohne Worte Wärme austauschen kann – dionysische Einverständnisse, die nicht in eine Vergangenheit absinken sondern da bleiben.

Salute, Er-vino!

Shola Birgitt Starp, 21.2.2021

 

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